Neue Wege gehen – Die Bergen-Belsen Tablet-Application

von Lukas Scholz

In der letzten Woche hatten rund 25 Schülerinnen und Schüler einer Realschule die Gelegenheit, eines der Projekte zur Nutzung digitaler Inhalte zur Annäherung an den historischen Ort auszuprobieren – Die Bergen-Belsen Tablet-Application.

Was ist die App?
Als die Briten am 15. April 1945 das Lager befreiten, kursierten unter den Inhaftierten aufgrund der menschenunwürdigen Haftbedingungen verschiedene Krankheiten wie Typhus, Fleckfieber und Ruhr. Um der Seuchengefahr entgegenzuwirken, wurden bereits in den Tagen nach der Befreiung fast sämtliche Holzbaracken niedergebrannt. Wer das heutige Bergen-Belsen schon einmal besucht hat, weiß, wie sich das Gelände 70 Jahre danach präsentiert – eine ruhige, von Heidekraut bewachsene Parklandschaft, in der nur noch vereinzelte Fundamentreste sowie natürlich die Massengräber von der Lagerzeit zeugen. Eine Vorstellung von der ehemaligen Lagerstruktur, der Anordnung von Baracken sowie deren Funktionen lässt sich hier ohne tiefergehende Recherche allenfalls erahnen. Dieser Problematik nimmt sich die Bergen-Belsen-App an, die in Zusammenarbeit mit Informatiker*innen der SPECS-Gruppe an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona von der Gedenkstätte entwickelt wird. Sie ist ein fortlaufendes Projekt, wird noch ständig erweitert und verbessert. Die App bietet die Möglichkeit, sich mit verschiedenen Karten des ehemaligen Lagergeländes sowie einer GPS-Funktion, die den/die Besucher*in bei seinem/ihrem Gang über das Gelände auf den Karten sichtbar macht, zu orientieren. Hierbei werden verschiedene Lagerteile und –grenzen klar deutlich gemacht. Der Schwerpunkt der Application liegt jedoch auf der virtuellen Rekonstruktion der Lagerstruktur, welches der/dem Nutzer*in auf Tastendruck ein dynamisches 3D-Modell präsentiert. In diesem werden, ausgehend vom Standort der/des Nutzer*in, Standpunkt und Größe von ehemaligen Strukturen wie Häftlingsbaracken, Wachtürmen und Zäunen gezeigt. So ist es der/dem Nutzer*in möglich, eigenständig das Areal zu erkunden und sich dabei an besonderen Orten wie den früheren Küchengebäuden oder der Entlausung den jeweiligen Ort betreffende historische Dokumente wie Fotos, Augenzeugenberichte oder Audioaufnahmen anzeigen zu lassen.

 

IMG_0029 IMG_0030

 

Screenshots aus der App, Virtuelle Rekonstruktion und Kartenansicht

Der Besuch
Bei einem kurzen Gang zum jüdischen Mahnmal und zurück begann der Tag für die SchülerInnen mit dem Kennenlernen des Geländes, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Anschließend wurden sie im Rahmen einer Einführung mit den historischen Gegebenheiten des Ortes vertraut gemacht. Dabei erfuhren sie auch, dass Bergen-Belsen nicht nur Konzentrationslager, sondern zuerst auch Kriegsgefangenlager war und auch in der Nachkriegszeit noch weiter als so genanntes „Displaced-Persons-Camp“ genutzt wurde. Nach dieser ersten Berührung mit der Komplexität des Ortes ging es für die etwa 25 Schüler*nnen auch schon unter Begleitung der Guides aufs Außengelände, um in Kleingruppen mit der App zu arbeiten. Nach einem sehr kurzen Überblick über die Funktionen und Handhabung der Tablets sowie der App hatten die technikaffinen Jugendlichen die folgenden 45 Minuten für sich, um das Gelände zu erforschen. Der Arbeitsauftrag: Mindestens zwei, gerne mehr historische Dokumente auszuwählen, die für die Schüler*nnen besonders beindruckend bzw. interessant waren. Diese sollten dann im Nachhinein der Gruppe präsentiert werden.

AppStudientag 016AppStudientag 021

Der Seminarraum 6 im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte ist für die Arbeit mit den Tablets eingerichtet worden. Die dortige Installation, bestehend aus einer 180° Grad Projektionsfläche sowie sechs Beamern, gab den Schüler*nnen die Möglichkeit, den Inhalt ihres Tabletbildschirms kabellos an die Wand zu werfen. So kann man in diesem Raum eine kleine, temporäre und individuelle Wandaustellung kreieren. Hier hatten die Schüler*nnen die Gelegenheit, sich über das am Vormittag erlebte auszutauschen, Fragen zu stellen sowie Unklarheiten unter Begleitung der Guides aus dem Weg zu räumen.

AppStudientag 034AppStudientag 037

Da das App-Projekt bislang nicht abgeschlossen ist und stetig erweitert bzw. verbessert wird, gab es mit der Gruppe eine kleine Auswertung des Tages und der App. Viele der Schüler*nnen hatten gute Anmerkungen und Verbesserungs-vorschläge zu machen, von denen bestimmt ein paar in die weitere Entwicklung miteinbezogen werden. Einig waren sich alle: Durch das 3D-Modell in Verbindung mit den Karten sei es sehr viel leichter, innerhalb von kurzer Zeit einen Eindruck des ehemaligen Lagers zu gewinnen. Jedoch seien auch 45 Minuten für die Begehung des Außengeländes nicht ausreichend, viele Schüler*nnen hätten sich ein wenig mehr Zeit gewünscht. Eines ist klar: Um den Ort Bergen-Belsen mit all seinen Facetten, Aspekten und persönlichen Geschichten, die dieser Ort zu erzählen hat, zu begreifen, reicht ein einfacher Studientag nicht aus – die App jedoch ist ein guter Weg dahin!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Neue Wege gehen – Die Bergen-Belsen Tablet-Application

  1. Bonjour je suis la nièce de Maurice Rousseau mort à Bergen-Belsen le 15 Avril 1945.Je vous avril transmis des informations avril son sujet. Son fils est décédé et je reste la seule personne concernée par le souvenir.Vous faites un très beau travail:mes compliments. J’aimerais que vos informations soient accessibles en français. Merci.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s